Mendener Mahnmal für die von den Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten Sinti und Roma

Wir gedenken der 500.000 Sinti und Roma, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden, unter ihnen mindestens 46 Kinder, Frauen und Männer aus Menden.
Ihr Andenken verpflichtet uns, die Erinnerung lebendig zu halten, heute und für die Zukunft.

Während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden mindestens 46 Mendener Sinti verfolgt und in den Konzentrationslagern ermordet. Darunter befanden sich viele Mütter mit kleinen Kindern. Sechs von 23 ermordeten Kindern und Babys fielen dem berüchtigten KZ-Arzt Mengele in Auschwitz-Birkenau in die Hände. Diese sechs der ausgestellten Kindersterbeurkunden weisen den Zusatz auf „Eingetragen auf schriftliche Anzeige des Doktors der Medizin Josef Mengele“, der ihren Tod auf den Sterbeurkunden mit genauer Uhrzeit und einer fadenscheinigen Todesursache mit seiner Unterschrift dokumentierte.

Die meisten Sterbeurkunden wurden im Herbst und Winter 1943 ausgestellt, als im sogenannten „Zigeunerlager“ Auschwitz-Birkenau Flecktyphus ausgebrochen war. Die Epidemie sollte dadurch bekämpft werden, dass die Gefangenen schnellstmöglich in die Gaskammern geschickt wurden. 

Ob Mengele die Sterbe-Bescheinigungen dieser Mendener Kinder als leitender Lagerarzt nur gegenzeichnete, ob die Kinder seinen schaurigen Experimenten, der Gaskammer oder tatsächlich Krankheiten zum Opfer fielen, ist im Einzelfall nicht mehr mit Sicherheit zu sagen. Sicher erscheint nur: Sie alle wären nicht in Auschwitz umgekommen, hätte man die Familien nicht in Menden zusammengetrieben und abtransportiert.

Thomas Hagemann schreibt in der WP vom 08.11.2023 dazu:

Mengele, in Auschwitz „Dr. Tod“ genannt, bescheinigte den Mendener Kindern im November und Dezember 1943 „unauffällige“ Todesursachen: der sechsjährigen Therese „septischen Darmkatarrh“, der sechsjährigen Elisabeth „Darmkatarrh“, dem vierjährigen Siegfried „Lungenentzündung“, der achtjährigen Josefa „akuten Darmkatarrh bei Körperschwäche“, dem 13-jährigen Karl „Rippenfellentzündung“. Das jüngste Opfer war das Baby Elfriede, das keine drei Monate alt werden durfte. Elfriede starb laut Mengele an „Entkräftung“. 

Im Jahr 1943 in Auschwitz dem KZ-Arzt Josef Mengele in die Hände zu fallen, war ein furchtbares Schicksal. Sechs Kinder aus Menden, darunter ein Baby, haben es offenbar durchlitten. Dass ihre Familien Sinti waren, damals „Zigeuner“, reichte im Rassenwahn der NS-Zeit für ihr unausgesprochenes Todesurteil. 

Mengele war im sogenannten „Zigeunerlager“ Auschwitz B II bis zu dessen Auflösung im August 1944 der leitende Lagerarzt. Er gilt als sadistischer Mörder, der grausige Experimente auch an Kindern vornahm, vor allem an Zwillingen.  

Rudolf Höß, Kommandant des KZ Auschwitz, der im April 1947 an einem Galgen im früheren KZ Auschwitz hingerichtet wurde, sagte nach seiner Gefangennahme in Verhören aus, dass sich Mengele im Lager an einen Geheimbefehl Heinrich Himmlers gehalten habe. Demnach waren die Kranken im „Zigeunerlager“ Auschwitz, besonders die Kinder, durch die Ärzte „unauffällig zu beseitigen“. Himmler war „Reichsführer SS“ und einer der größten Massenmörder der Geschichte.

Da alle Mendener Sinti katholisch waren, muss die Rolle der katholischen Kirche betrachtet werden. Seit 1929 war Heinrich Funke Pastor in der St. Vincenz-Gemeinde. Katharina Granemann schreibt, dass der seit 1928 als Pfarrvikar in Menden-Halingen tätige Dr. Lorenz Pieper der einzige Ortsgeistliche in Menden war, der mit den Nationalsozialisten sympathisierte. Pieper trat bereits Anfang der 20er Jahre der NSDAP bei, predigte seine völkische Überzeugung von der Kanzel und war im engen brieflichen Kontakt zu Adolf Hitler. Pastor Funkes Vorgehen gegen Lorenz Pieper - u.a. als Schulbeirat - führte zu Piepers Ablösung als Vikar im Januar 1933. Funke ließ Plakate der NSDAP beseitigen, verweigerte die Beflaggung mit der Reichsfahne und wehrte sich gegen den Austausch von Kruzifixen gegen Hitler-Bilder in Schulen. Als Konsequenz wurde er von den NSDAP-Ortsgruppe und der Presse verunglimpft, sollte durch Bürgermeister Rau vom freiwilligen Rücktritt überzeugt werden und wurde von der Gestapo überwacht. Inwieweit Pastor Funke sich allerdings für die verfolgten und deportierten Mendener Sinti einsetzte, ist nicht bekannt.

Die meisten Sinti-Familien wohnten in zwei Häusern an der Wilhelmstraße 34 und 37, die man im Volksmund „Zigeunerburg“ nannte. Sie befanden sich an einem Verbindungsweg zwischen der Straße der S.A., heute Wilhelmstraße, und der Iserlohner Straße, heute Kolpingstraße, die sogenannte „Zigeunergasse“. Andere Sinti-Familien wohnten in der Turmstraße, Pastoratstraße, Hauptstraße oder Wasserstraße. 

Die schulpflichtigen Sintikinder besuchten die Albert-Schlageter-Schule, die vormalige Wilhelmschule, die 1938 durch die Nationalsozialisten umbenannt wurde. Auch die Lehrerschaft der Albert-Schlageter-Schule war in Teilen vom Nationalsozialismus geprägt. Frau Dr. Schulte-Kurteshi schreibt in ihrem Aufsatz im „Märker“, dass der Schüler Heinrich Lagerin in seinem Zeugnis als „charakterloser Zigeunermischling“ bezeichnet wurde, mit allen negativen Merkmalen seiner Rasse: List, Tücke und Verschlagenheit. Auch der Schülerin Cäcilie Einacker wurde von ihrer Lehrerin bescheinigt, dass sie sich Mühe gäbe, aber von den negativen Merkmalen ihrer Rasse nicht frei sei. 

In fast jeder Klasse befanden sich Sinti-Kinder, die ausgegrenzt wurden. Es wurde behauptet, dass sie aus den Vorgärten Salat für ihre Kaninchen stehlen würden. Im April 1941 wurden die Sinti aufgrund des Festsetzungsparagraphen gegen die „Zigeunerplage“ in die Horlecke 106a und 106b, Nähe Wasserwerk, zwangsumgesiedelt.

Der Mendener Zeitzeuge Heinz Luig, ebenfalls Schüler der Albert-Schlageter-Schule, war mit dem Sintikind Gottfried Wick befreundet. Dieser wurde manchmal mehrfach am Tag mit dem Rohrstock geschlagen, obwohl er „ganz besonders brav“ war. 

Im Gegensatz zu seinen Klassenkameraden spielte Heinz Luig mit Gottfried Wick in der Zigeunergasse und war erschrocken, als dieser nicht mehr in die Schule kam. Er hörte später, dass diese Kinder und ihre Eltern in der Horlecke lebten, als eines Morgens um sechs Uhr ein großes Auto gekommen sei, um sie alle abzuholen. „Das war am 9.3.1943“ erinnert sich der Zeitzeuge Franz Rose.

Am Morgen des 9. März 1943 wurden fünf Sinti-Familien in der Horlecke 106 a und b abgeholt. Laut Meldekarten im Stadtarchiv sind es mindestens 23 Sinti an diesem Morgen des 9. März 1943, die von Menden aus nach Auschwitz-Birkenau deportiert und später dort ermordet wurden.

Es war ein langer Weg bis zum Denkmal in Menden, einer Stadt, in der seit einigen Jahren die Erinnerungslandschaft, die Kultur des Erinnerns und Mahnens, stetig weiter ausgestaltet wird. 


Am 13.03.2024 hat der Kulturausschuss der Stadt Menden aufgrund eines Bürgerantrags der Europa-Union Kreisverband Märkischer Kreis einstimmig beschlossen, ein Mahnmal für die verfolgten und ermordeten Sinti auf dem St. Vincenz-Kirchplatz inmitten unserer Stadt zu errichten.

Am Ende des Pressebericht in der WP vom 08.11.2023 schreibt Thomas Hagemann:

Nichts und niemand rettete die Mendener Kinder vor der Hölle auf Erden.

Es rettete die Kinder nicht, dass sie noch so klein waren. 

Es rettete sie nicht, dass ihre Eltern und Großeltern voll ins Mendener Stadtleben eingegliedert waren. 

Es rettete sie nicht, dass ihre Väter bürgerlichen Berufen nachgingen. 

Es rettete sie nicht, dass sie alle Katholiken waren. Es rettete sie nicht der katholische Pastor Funke, der in Menden von der Kanzel aus mutig gegen die Nazis predigte. 

Nichts und niemand rettete diese Mendener Kinder und ihre Familien vor dem Abtransport in die Hölle auf Erden: das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.

„Jeder Mensch sollte dem anderen helfen, nur so verbessern wir die Welt.

Ohne Menschlichkeit und Nächstenliebe ist unser Dasein nicht lebenswert.“


(Charlie Chaplin in der Friedensrede des Films „Der große Diktator“)